Globulus e.V.

Verein zur Förderung der ärztlichen Homöopathie in den Kinderkliniken

Wiener Schule der Homöopathie

Das Lebenswerk von Mathias Dorcsi (1923-2001)

Die wichtige Frage, die Mathias Dorcsi bei jedem kranken Menschen bewegte, lautet:

„Was ist das für ein Mensch, mit diesen Ängsten, mit diesen Sorgen, mit diesen Nöten, mit diesen Zwängen, mit diesem Leiden und diesem Schicksal?“

Wenn Sie eines Tages krank werden sollten, schwer krank, und es stellt Ihnen ein Arzt diese Frage, dann werden Sie verstehen, was der Inhalt bedeutet: „Was ist das für ein Mensch mit dieser Krankheit?“


Was zeichnet die „Wiener Schule der Homöopathie“ aus?
Mathias Dorcsi hat die „Wiener Schule der Homöopathie“ erlebt, erarbeitet und als sein Lebenswerk betrachtet.

  1. Sie ist eine Medizin der Person mit der Erfassung von Konstitution und Diathese.
  2. Sie wendet in der Homöopathie das Ähnlichkeitsprinzip an, das schon von Hippokrates als Heilprinzip erkannt, von Samuel Hahnemann vor über 200 Jahren in Deutschland wieder entdeckt wurde und heute noch als geniales Prinzip der Homöopathie funktioniert.
  3. Bei der „Wiener Schule der Homöopathie“ geht es um die Kenntnis der Toxikologie in der homöopathischen Arznei und damit um eine Kenntnis des Arzneimittelbildes, durch die wir ein Spiegelbild des kranken Patienten erleben.
Es geht um unser Dasein als arbeitende Ärzte und um Demut vor der kranken Person, die sich an uns wendet. Nur mit dieser Demut können wir aus dem großen Topf der Schöpfung, aus dem wir alle stammen, die richtige Arznei für die Heilung des Patienten heraussuchen. Wir wissen heute, dass der Chromosomensatz der Fliege und der des Menschen gar nicht unähnlich sind. Das heißt, wir sind mit allem auf dieser Erde verwandt, sei es Mineral, sei es Pflanze oder Tier oder gar ein Krankheitsprodukt. Durch die ausgesuchte homöopathische Arznei und durch die besondere Herstellung kann im Krankheitsfall beim Patienten dann Regulation und Heilung einsetzen.

Ziele der „Wiener Schule der Homöopathie“
Der kranke Mensch steht im Mittelpunkt. Dabei ist wichtig, dass die Homöopathie für Ärzte in Krankenhäusern und Praxen lehr- und lernbar ist. Zusätzlich spielt die Integration der Homöopathie in eine größere Medizin, eine komplementäre Medizin, bei der Ausbildung der Ärzte eine bedeutende Rolle. Wie wir alle wissen, gibt es gibt Therapienotstand in der konventionellen Medizin, aber genauso müssen wir Ärzte die Grenzen der konventionellen Medizin und der Homöopathie erkennen.

Verbindung zwischen Wien und Deutschland
Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, der von 1755 bis 1843 in Deutschland gelebt hat, hinterließ uns mit der Ähnlichkeitsregel ein geniales Vermächtnis. „Similia similibus curentur“, Ähnliches werde mit Ähnlichem geheilt. Die zentrale Frage ist: „Was ist Homöopathie?“

Homöopathie ist eine ärztliche Therapieform mit Einzelmitteln, die aus der gesamten Natur und unserer Evolution als Mensch stammen und die am gesunden Menschen mit Hilfe einer Arzneimittelprüfung getestet werden. Die Arznei wird in verschüttelter und verdünnter Form nach der Ähnlichkeitsregel verordnet.

Für Samuel Hahnemann war Wien von großer Bedeutung. Zwei Jahre nach Beginn seines Medizinstudiums kam er 1777 in diese Stadt und wurde von Joseph von Quarin empfangen, dem Leibarzt von Kaiserin Maria Theresia und Leiter des Spitals der Barmherzigen Brüder in Wien. Dieser zeigte dem Studenten im dritten Medizinjahr, was es bedeutete, in dieser Zeit Arzt sein zu dürfen. Hahnemann hat in großer Dankbarkeit schriftlich niedergelegt: „Joseph von Quarin verdanke ich, was Arzt an mir genannt werden kann.“ Auch für Mathias Dorcsi gab es zwischen Wien und Deutschland eine Verbindung, und so schließt sich der Kreis.

Ein großes Herzensanliegen von Mathias Dorcsi und mir als Kinderärztin war die Integration der Homöopathie in die Universität in München. Dorcsi kam am Ende seines Lebens in diese Stadt und hat dort seine letzten zwölf Jahre gelebt. Unser gemeinsames Anliegen war: die Integration der Homöopathie in die Kinderheilkunde. Was haben wir erreicht? Im Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München ist dieses Projekt 2005 zehn Jahre alt geworden.

Rückblick in die österreichische Homöopathie
Wie sah es mit der Homöopathie in Österreich vor über 150 Jahren, um 1850 aus? Damals gab es bereits sechs Krankenhäuser, die homöopathisch behandelt haben: im Bezirksteil Sechshaus in Wien, in Linz, Leopoldstadt, Gumpendorf, Baden bei Wien und in Kremsier. Etwa 100 Jahre später, nach dem Krieg, nach 1945 blühte die Homöopathie erneut in Österreich auf. Sie brauchte Menschen, die den Mut hatten, sie wieder in die klinische Medizin zu integrieren. Mathias Dorcsi gründete zusammen mit Dr. Robert Seitschek und Dr. Martin Stübler am 14.03.1953 die „Vereinigung homöopathisch interessierter Ärzte Österreichs“ im histologischen Hörsaal der medizinischen Fakultät in Wien. Von Anfang an sollten die Aktivitäten des Vereins auch im universitären Bereich stattfinden. Daraus ist die heutige „Österreichische Gesellschaft für homöopathische Medizin“ (ÖGHM) entstanden.

Bei dieser Gründung fand ein besonderes Ereignis statt. Dr. Hradetzky erkrankte an einer sympathischen Ophthalmie. Das ist eine Erblindung eines Auges z.B. durch ein Trauma, und das gesunde Auge drohte zusätzlich zu dem traumatisierten Auge zu erblinden. Dr. Hradetzky sagte damals zu Matthias Dorcsi: „Wenn Sie mir eine Arznei geben, die mich vor dieser drohenden Erblindung bewahrt, dann werde ich Ihnen die Statuten für die ÖGHM schenken. Dorcsi gab ihm Lachesis muta, Buschmeister, ein Schlangengift. Lachesis muta wurde von Konstantin Hering bereits vor über 160 Jahren eingeführt. Bei Dr. Hradetzky hat Lachesis muta die sympathische Ophthalmie ausgeheilt und die Statuten der österreichischen Gesellschaft für Homöopathie sind noch heute die, die er damals aufgeschrieben hat.

Was war Mathias Dorcsi für ein Mensch?
Mathias Dorcsi wurde 1923 in Wien geboren, besuchte dort die Volksschule in Schwechat. Er hatte eine wunderbare Mutter, die Heilerin war. Schon in der Schule zeigte er geniale Fähigkeiten, die dem katholischen Priester und Philosophen Otto Maurer in der Volksschule auffielen. So integrierte er ihn bereits als Volksschüler in einen Kreis von Studenten, mit denen er viel diskutieren konnte. Um ihn zu fördern, verschaffte er ihm einen Freiplatz in der Neuland-Schule in Wien.

Die Nazi-Zeit hat Mathias Dorcsi in Wien nur unter großen Schwierigkeiten überstanden. Im Krieg wurde er als Soldat ins Feld geschickt, desertierte und kehrte zurück nach Wien. Dort wurde er wegen Verlassen seiner Einheit zum Tod verurteilt. Es gelang ihm, seine Mutter noch einmal zu besuchen, um sich von ihr zu verabschieden. Glücklicherweise konnte er dann in das Kloster der Barmherzigen Brüder fliehen, wo er bis Ende des Krieges ausharrte. Dieses Kloster hat ihn vor dem Tod gerettet. Dorcsi wollte damals Priester werden, wurde auch Novize. Der Novizen-Meister sagte zu ihm: „Werde lieber ein guter Arzt und kein schlechter Priester.“ So hat er an der Universität in Wien studiert und in Innsbruck sein Studium beendet. An der Universität wurde er geprägt durch Lehrer wie Prof. Ernst Lauda, der seine Ideen kritisch beurteilte. Prof. Lauda vermittelte ihm als wichtige Botschaft: „DenPatienten muss man anschauen und anhören“ - und dies wurde ein zentraler Satz auch für die Wiener Schule.

Arzt und Suchender
Mathias Dorcsi hatte immer ein Faible für die Kinderheilkunde und begann seine Spitalzeit im Preyerschen Kinderspital in Wien. Er war mit Andreas Rett befreundet, der in der Kinderheilkunde das Rett-Syndrom bei behinderten Kindern entdeckt hat. Dorcsi wollte gerne Kinderarzt werden, doch während er noch überlegte, ob er überhaupt gut genug dafür sei, hatte Andreas Rett bereits die Stelle. So konnte er leider nicht Kinderarzt werden, erlebte jedoch damals etwas ganz Wichtiges. Sein Stationsarzt wies ihn darauf hin, dass es in der Klinik viele Kinder mit Hautproblemen, mit allergischem, atopischem Ekzem gäbe. Diese Krankheit wurde schon damals als Neurodermitis bezeichnet. Im Preyerschen Kinderspital machte Mathias Dorcsi seine ersten Therapieversuche mit homöopathischen Konstitutionsarzneien bei Neurodermitis. Dabei setzte er Calzium-Salze ein, die für das Denken über Konstitution und Diathese in der Wiener Schule bestimmend wurden.

Beginn der „Wiener Schule der Homöopathie“
Historisch gesehen war interessant, dass der österreichische Arzt Meinhard von Pfaundler den Lehrstuhl für Kinderheilkunde in München von 1906-1939 innehatte und sich mit einem sehr wichtigen Aspekt bei Kindern beschäftigte: mit dem Aussehen, der Konstitution der Kinder und dem so genannten Lymphatismus. Das hat Dorcsi imponiert und so suchte er den Zugang zur Konstitution über das Aussehen und die Phänomene bei Kindern. Dabei machte er therapeutische Erfahrungen mit den Kalziumsalzen in der Homöopathie und war sehr erfolgreich.

Calcium carbonicum, Calcium phosphoricum und Calcium fluoricum - das waren für ihn die drei großen Kalziumsalze bei Kindern, bei denen über die Prognose einer Krankheit eine Aussage gemacht und eine Heilung eingeleitet werden kann. So entstand 1955 die „Wiener Schule der Homöopathie“ nach Mathias Dorcsi mit seiner Veröffentlichung „Homöopathische Kinder-Konstitutionstherapie“, die in der Zeitschrift „Der Landarzt“ (31, 1955) im Hippokrates Verlag erschienen ist. Sie brachte ihm die erste Anerkennung als Homöopath über die Grenzen Österreichs hinaus.

In den nächsten Jahren absolvierte Dorcsi seine Ausbildung als Facharzt für physikalische Medizin im Krankenhaus Lainz, die er 1958 abschloss. Im selben Jahr fand der Internationale LIGA-Kongress für homöopathische Medizin in Salzburg statt. Damit wollte Dorcsi die Homöopathie über die Grenzen Österreichs hinaus tragen und sehen, was machen andere Homöopathen in der ganzen Welt. 1958 bot das Institute for European Studies in Wien Dorcsi die Möglichkeit, dort sein „Institut für homöopathische Medizin“ zu gründen. Hier hat er Vorträge für Ärzte, Studenten und Laien abgehalten.

Der 4-Stufen-Plan für die Lehre der Homöopathie
Es folgten von 1958-1971 dreizehn Jahre des Nachdenkens, des Arbeitens, des Überlegens und des Bücherschreibens. 1971 versammelte Mathias Dorcsi am Attersee Pädagogen, Ärzte, Philosophen und Unternehmensberater und fragte sie: Warum hat die Homöopathie keine Chance an der Universität? Woran liegt es? Liegt es an der Methode? Oder liegt es daran, dass wir als Ärzte etwas falsch machen? Bei diesem Treffen wurden sieben Punkte erarbeitet:
  1. Homöopathie als Medizin der Person
  2. Grundausbildungskurse für Ärzte
  3. Fortbildungskurse für Ärzte
  4. Intensivkurse für Ärzte
  5. Ausbildung von Lehr-Persönlichkeiten und die Integration der Homöopathie in die Universität
  6. Koordination von Schrifttum
  7. Klärung der wichtigen Kostenfrage.

Mit diesen sieben Punkten hat Mathias Dorcsi dann seinen 4-Stufen-Plan für die Lehre der Homöopathie ausgearbeitet.

Stufe 1: Information für Laien, Patienten und Ärzte sowie für Kliniken mit der zentralen Frage: Welche Möglichkeiten bietet die Homöopathie?

Stufe 2: Lehre der Organotropie als Behandlungsmethode einzelner Organsysteme. Sie richtet sich an Ärzte und Medizinstudenten in Klinik und Praxis, um sie durch Vorlesungen einzuführen und auf eine wirksame und sinnvolle Therapiemöglichkeit hinzuweisen.

Stufe 3: Lehre der Ätiologie, die sich mit dem Ursprung einer Krankheit befasst, also der Frage: Welche Möglichkeiten bietet die Homöopathie als Therapie des Anfangs? Mathias Dorcsi hat den Begriff „Ätiologie“ als einer der ersten in die Homöopathie eingeführt.

Stufe 4: Therapie der Person. Welche Möglichkeiten bietet hier die Homöopathie? Wie können wir bei der Konstitution das Strickmuster eines Menschen und seine Strickmusterfehler erkennen, um eine ärztliche Prognose bei Krankheit zu stellen?

Entwicklung der Homöopathie in Österreich seit 1973
1973 wurde die Wissenschaftsministerin Frau Dr. Firnberg auf Mathias Dorcsi aufmerksam und erteilte ihm einen Forschungsauftrag. Sein Anliegen war, die „Wiener Schule der Homöopathie“ in ganz Österreich, in Deutschland und in der Schweiz vor Ärzten, aber auch vor Laien in Vorträgen vorzustellen. Dadurch wurde er mehr und mehr auch außerhalb Österreichs bekannt. 1975 begannen die „Badener Intensivkurse für Homöopathie“ in Baden bei Wien, die über 25 Jahre lang abgehalten wurden. Gleichzeitig wurde Dorcsi 1975 nach Stuttgart an das Robert-Bosch-Krankenhaus berufen, um das damals einzige homöopathische Krankenhaus, an dem Dr. med. phil. Otto Leeser aus Altersgründen ausschied, als Chefarzt zu übernehmen. Dort gab es eine Sitzung mit den leitenden Ärzten und Pharmakologen, in der Mathias Dorcsi erklärt wurde: „Herr Dorcsi, Sie dürfen in unserem Krankenhaus alles
machen, aber keine homöopathischen Hochpotenzen als Arznei geben“. Dorcsi antwortete: „Das Geschenk der Homöopathie sind die Hochpotenzen“ - und damit verabschiedete er sich von Stuttgart.

Dorcsi kehrte nach Österreich zurück und - da die Propheten im eigenen Land nach ihrer Rückkehr aus dem Ausland mehr anerkannt werden - wurde ihm 1975 in Wien ein Ludwig­-Boltzmann-Institut für Homöopathie anvertraut, an dem er bis Ende der 80er Jahre forschte.

Sein Wunsch, die Homöopathie in die klinische Medizin der Universität Wien zu integrieren, wurde durch eine Lehrambulanz an der Wiener Poliklinik Wirklichkeit. Hier hatte er einen kleinen Raum im Keller - man sah am Fenster nur die Füße der vorbeilaufenden Menschen, in dem seine Schüler sich versammelten und er die Patienten behandelte. In dieser drangvollen Enge, der schlechten Luft standen und saßen die Patienten still und geduldig - und hier wurde Homöopathie am Patienten demonstriert. Das waren unvergessliche klinische Demonstrationen vor seinen Schülern, die noch heute davon schwärmen.

1978 kam dann die Krönung: Mathias Dorcsi wurde Primarius für Physikalische Medizin im Krankenhaus Lainz, gründete hier die Lehrambulanz für Homöopathie und integrierte in dieses Haus das Ludwig-Boltzmann-Institut.

Wie sah es aber mit der universitären Entwicklung der Homöopathie in Österreich damals aus? 1980 bekam Mathias Dorcsi den Lehrauftrag für Homöopathie am pharmazeutischen Institut der Universität Wien. Sein Anliegen war jedoch, eigene Vorlesungen an der medizinischen Fakultät abzuhalten. Erst beim achten Ansatz erhielt er 1984 einen Lehrauftrag an der medizinischen Fakultät Wien und durfte dann in dem alten und ehrwürdigen Hörsaal der Frauenklinik seine Vorlesungen abhalten. Diese waren so besucht, dass die Studenten wegen Platzmangel stehen mussten.

1985 erhielt Mathias Dorcsi vom Präsidenten der Republik Österreich für seine Verdienste um die Homöopathie in der Medizin den Professoren-Titel.

1985 gab es bereits eine Reihe von homöopathischen Ambulanzen in Wien. Im Krankenhaus Lainz existierte die Abteilung für Physikalische Medizin mit dem Ludwig­Boltzmann-Institut, in der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung hatte Dr. Helga Richter eine konsiliarische Betreuung der Patienten übernommen. Konsiliarisch homöopathisch gearbeitet wurde außerdem im St. Anna Krankenhaus in der Pädiatrie, im Preyerischen Kinderspital und im Sophienspital in der Geriatrie.

Mathias Dorcsis Schüler waren: Günter Mattitsch in Klagenfurt, Nachfolger von Dorcsi und Präsident der österreichischen Gesellschaft für Homöopathie, Herbert Zeiler, der treueste Freund von Dorcsi, Hans Ziller in Salzburg, Klaus Connert, Leopold Drexler, der seine Biographie geschrieben hat, Jutta Gnaiger-Rathmanner in Vorarlberg, Peter König, Helga Lesigang in Wien, Gabriele Mohr-Baumann in Linz, Anton Rohrer, Helga Richter, die ich schon genannt habe, Harald Siber, Fritz Sommer, Heinz Tauer, Siegfried Wagner und viele andere. Sie alle haben die Wiener Schule weitergeführt und weiterentwickelt.

Schicksal und Weg von Mathias Dorcsi
Es gibt ein Schicksal und einen Lebensweg von Mathias Dorcsi. Im Alter von 64 Jahren erlitt er den ersten Schlaganfall mit Lähmung des rechten Arms und Aphasie. Schon 1984 litt er an einer hämatologischen Krankheit, die er mit Hilfe der Homöopathie gut im Griff hatte. Nach diesem Schlaganfall wurde er im Krankenhaus Lainz auf seiner eigenen Abteilung rehabilitiert. Er war ein schwerkranker Mann, nicht nur der Schlaganfall, sondern auch seine Diabetes und multiple Herzinfarkte erschwerten seine Genesung. Und so übersiedelte er mit großer Hoffnung im Herzen 1989 nach München. Hier erlebten wir eine langsame Heilung seiner Erkrankung, und es entwickelte sich eine überraschende Wende.

Prof. Hellbrügge, der Begründer der sozialen Pädiatrie in München, der Inhaber von über 20 Doktortiteln der Medizin honoris causae, der die Vorsorgeuntersuchung sowie die Voitja-Physiotherapie in die Kinderheilkunde eingeführt und die Montessori-Pädagogik in Deutschland initiiert hat - dieser Mann fragte Mathias Dorcsi: „Sind Sie bereit in München Kurse für Kinderärzte abzuhalten?“

Er hatte ihm diese Frage bereits viele Jahre vorher gestellt, aber damals sagte ihm Mathias Dorcsi aus Zeitgründen ab. 1989 ergriff er dann die Möglichkeit, in München erneut an der Universität, im Kinderzentrum von Prof. Hellbrügge zu lehren. Gemeinsam haben Mathias Dorcsi und ich als Kinderärztin in acht Jahren über 160 Kinderärzte an über 160 Wochenenden unterrichtet. Damit haben wir Samen in der Kinderheilkunde gesät, die zu keimen begannen und sich weiter entwickelten. Heute befürworten die Eltern unserer kranken Kinder die Homöopathie, weil sie mit der richtigen Arznei eine Heilung ohne irgendwelche Nebenwirkungen ermöglicht.

Modellprojekt Homöopathie am Dr. von Haunerschen Kinderspital
Im Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München habe ich mich an einen sehr bekannten und berühmten Oberarzt gewandt mit der Bitte, die Homöopathie in diese Kinderklinik zu integrieren. Die Klinik war vorbildlich für die Kinderheilkunde, wurden hier doch die erste Knochenmarktransplantation und die erste Bronchoskopie bei Kindern vorgenommen. Hier wurde auch das Screening-Modell für Stoffwechsel-Erkrankungen bei Neugeborenen entwickelt und damit eine einmalige Situation in Deutschland geschaffen, um Stoffwechsel-Erkrankungen bei Babys frühzeitig zu entdecken und zu behandeln. Dank dieses Oberarztes - der in einer Sitzung der Klinik die entscheidende Frage stellte: „Spricht etwas dagegen, wenn wir die Homöopathie probeweise einsetzen und dafür eine zusätzliche Assistenzarztstelle bekämen?“ - kam dann das Modellprojekt „Homöopathie in der Kinderheilkunde“ zustande.


Unser Team bestand damals, 1995, aus Mathias Dorcsi mit seiner enormen Erfahrung auf klinischem Gebiet, aus Sigrid Kruse und mir. Aber wir brauchten dringend eine Stiftung, einen Sponsor. So haben wir bei Frau Dr. Veronika Carstens angefragt, ob sie bereit wäre, unser Projekt an der Kinderklinik zu unterstützen. Sie hat sehr schnell geantwortet und uns eine Stelle bewilligt. So sind wir - und das ist ein wahres Wunder - mit über einer halben Million Euro in den Jahren 1995 bis 2001 von der Karl und Veronika Carstens-Stiftung in Essen großzügig gefördert worden.

Wir haben im Dezember 2000 den Verein „Globulus e.V.“ gegründet zur Förderung der ärztlichen Homöopathie in den Kinderkliniken Münchens und über diesen Verein haben wir unser Projekt über zwei Jahre unterstützt. Wir haben über 100 Briefe an mögliche Sponsoren und an Krankenkassen verschickt, denn die Klinik konnte unser Projekt aufgrund von Sparmaßnahmen nicht weiter unterstützen. Nur einer hat geantwortet, das war die AOK Bayern mit Sitz in München. Aufgrund unserer Arbeit hat sie uns 2002 eine erste Assistenzarztstelle für Homöopathie bewilligt. Mit dieser Tat war die AOK Bayern Schrittmacher für die homöopathische Therapie von Kindern in Deutschland. 2004 folgte die Techniker Krankenkasse München mit einer ähnlichen Pioniertat und bewilligte eine zweite Assistenzarztstelle.

Inzwischen wurde die Homöopathie auch in anderen Kinderkliniken eingeführt: in Landshut, Rosenheim, Weiden, Datteln, die nächste Kinderklinik wird Münster sein.

Die Phänomenologie als Zugang zum Menschen
Was hat die Ärzte des Haunerschen Kinderspitals überzeugt? Sicher nicht nur ihre Neugierde, sondern die Tat - die Therapie am Patienten. Wir wollten die Phänomene zeigen, die wir in
Konstitution und Diathese erleben. Die Urgedanken der Konstitution bestehen schon seit 5000 Jahren in der ayurvedischen Medizin.

Der synthetische Weg der „Wiener Schule der Homöopathie“ beschäftigt sich mit den Phänomenen, die wir durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen erleben. Unser sechster Sinn ist der Geist. Durch ihn wird die Intuition geweckt als Summe aller bewussten und unbewussten Erfahrungen. Das ist besonders wichtig, wenn man einem Patienten gegenüber steht und sich überlegt: Was ist das für ein Mensch? Was ist seine Prognose? Was sind die Phänomene, das Sich-Zeigende und Sich-Offenbarende und Ans-Licht-Gebrachte des Patienten? Man kann sie wahrnehmen, unvoreingenommen beobachten, kritisch bestätigen oder verwerfen. Dieser Zugang über die Phänomene ist vor allem beim kranken Menschen wichtig und ein entscheidender Zugang in der Kinderheilkunde, weil Kinder nicht reden können. Wir müssen mit unseren fünf Sinnen und mit unserer Intuition die Phänomene erfassen und auswerten, sie in der homöopathischen Arznei wiederfinden und dem Patienten zur Verfügung stellen.

Konstitution und Diathese in der Homöopathie
Die Phänomenologie ist ein anderer Zugang zum Menschen und als Erfahrungsmedizin neben der naturwissenschaftlichen Erklärungsmedizin eine legitime wissenschaftliche Methode. Schon Hahnemann hat sich mit Konstitution und Diathese in der Homöopathie beschäftigt. In seiner Lehre von den Miasmen hat er den genialen Versuch unternommen, die menschliche Konstitution in ihrer Bereitschaft zur chronischen Krankheit zu verstehen. „Miasma“ leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet „Befleckung“ oder „Schandfleck“. Diesen Begriff verband Hahnemann mit dem Geruch, der aus den Sümpfen steigt, damals aus den Sümpfen vor Paris, wo die Leichen beerdigt wurden. Hahnemanns Einteilung der Krankheitsbereitschaft des Menschen in Psora, Sykosis und Syphilis schafft für uns homöopathischen Ärzte heute noch einen wichtigen Zugang zur Beurteilung der Konstitution eines Menschen.


Der Gedanke der Konstitution bewegt uns alle. Als Mathias Dorcsi krank wurde, ging er nach seinem ersten Schlaganfall zu einer berühmten Neurologin, die ihm eine Bombenkonstitution bestätigte. Auf seine Frage, was Sie unter Konstitution verstehe, konnte sie die Frage objektiv nicht beantworten. Was ist also Konstitution? „Konstitution ist die angeborene und erworbene körperliche, mental-geistige, emotionale und ethische Verfassung eines Menschen. Dadurch entsteht die Anpassungsfähigkeit oder Regulationsweise eines Individuums.

Konstitutionsmittel in der Homöopathie sind Arzneien, die durch Arzneimittelprüfungen an Gesunden und durch die Erfahrungen von Generationen homöopathischer Ärzte zu erfassbaren Ebenbildern bestimmter Personen geworden sind.

Was versteht man unter Diathese? Sie ist unsere Krankheitsbereitschaft, die angeborene und erworbene Systemminderwertigkeit eines jeden Individuums bzw. seine Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten. Jeder Mensch hat in seinem „Strickmuster“ seine besonderen „Strickmusterfehler“. Konstitution und Diathese verhalten sich zueinander wie zwei Seiten einer Münze. Nach Mathias Dorcsi gibt es entsprechend den Miasmen Hahnemanns drei große Diathesen: die lymphatische, lithämische und destruktive Diathese. Wir Menschen sind alle eine Mischung aus den drei Diathesen, eine dieser Diathesen überwiegt im jeweiligen Lebensabschnitt. Durch die Diathesen erkennen wir die Fähigkeit des Patienten gesund zu werden, und damit können wir beim kranken Patienten eine Prognose stellen.

Die drei großen Diathesen und die Kalziumsalze
Zur Darstellung der drei großen Diathesen eignet sich vornehmlich die Gruppe der Kalziumsalze. Sie haben eine besondere Beziehung zum „Urtopf“ der Schöpfung, aus dem einmal alles, auch der Mensch, entstanden ist. In den homöopathischen Konstitutionsarzneien Calcium carbonicum (es entspricht der lymphatischen Diathese), Calcium phosphoricum (es entspricht der lithämischen Diathese) und Calcium fluoricum (es entspricht der destruktiven Diathese) erleben wir einen plastischen Einblick in die Bandbreite der Konstitutionstherapie, die letztlich in die Tiefe der Person mit ihren besonderen Eigenschaften führt.

Diese drei Archetypen möchte ich im Kindesalter vorstellen.

Ein Calcium-carbonicum-Kind hat runde Wangen, volle Lippen, große Augen, ein sukkulentes und saftiges Aussehen wie z.B. Buddha, der sein Leben lang eine Calcium-carbonicum-Konstitution besaß. Wir sehen in einem Calcium-carbonicum-Baby, später in einem Calcium-carbonicum-Menschen eine gute Prognose, eine gute Regulationsfähigkeit, eine Elastizität der Fähigkeit, nach einer Erkrankung wieder gesund zu werden. Das Calcium-carbonicum-Kind wacht langsam auf, ist ein Langsamentwickler. Es ist wie eine Rosenknospe, die sich langsam, aber beständig öffnet. Hätten wir mehr Calcium-carbonicum-Menschen auf dieser Welt, hätten wir weniger Kriege.

Calcium-phosphoricum-Babys dagegen haben einen wachen Blick, schauen einen durchdringend an, sind aktiv, leiden jedoch eher an Schlafstörungen, sind eher schlanke, zartgliedrige Wesen mit eckigem Körper und neigen später eher zu würzigen und gewürzten Speisen. Sie sind oft die Macher dieser Welt, die ihre Grenzen nicht wahrnehmen.

Sehr schwierig sind die Calcium-fluoricum-Kinder zu erkennen, die ausgesprochen robust wirken durch ihren athletischen Körperbau; glücklicherweise trifft man sie sehr selten. Erkennen wir diese Diathese, diese Regulationsbereitschaft, dann passen wir auf diese Kinder ganz besonders auf. Haben sie Fieber, muss man darauf achten, dass man im Organbereich - zum Beispiel bei einer Otitits media - keine größeren Probleme bekommt oder dass eine Bronchitis nicht in eine Lungenentzündung mündet.

Bewährte Indikationen
Neben Konstitution und Diathese haben wir von der „Wiener Schule der Homöopathie“ ein weiteres Geschenk erhalten, für das Mathias Dorcsi zu Lebzeiten von manchem Homöopathen am liebsten gesteinigt worden wäre, das jedoch von anderen homöopathischen Kollegen hoch geschätzt, kopiert und nachgeschrieben wurde: das sind die „Bewährten Indikationen“.


Sie sind wertvolle therapeutische Hinweise erfahrener homöopathischer Ärzte, die über Generationen gesammelt und zur Behandlung von Störungen und Krankheiten in der Alltagspraxis eingesetzt werden.

Dank der Bewährten Indikationen lernen wir in der täglichen Praxis den richtigen Umgang mit den Arzneimitteln. Manchmal erleben wir bei einem kranken Menschen eine hohe Resonanz der Heilung mit einer Veränderung auf mehreren Ebenen der Konstitution: nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der mentalen und emotionalen Ebene. Nur am lebenden Objekt, am Patienten können wir die Phänomene erkennen lernen und damit letztlich eine konstitutionelle Therapie ausüben. Jeder Arzt in der homöopathischen Praxis nimmt jeden Tag - egal ob wir es „Bewährte Indikationen“ nennen oder „Bewährte Rubriken“ - diese Arzneien zur Hand, um sie oft erfolgreich einzusetzen.

Fallbeispiel Katharina
Katharina, heute 16 Jahre alt und eine strahlende junge Frau, war bei mir schon in Behandlung, als sie drei Wochen alt war. Ich erkannte bei ihr eine destruktive Diathese. Das heißt, dass man bei einer Erkrankung des Kindes sehr aufpassen muss. Katharina hatte ihre erste Pneumonie im Alter von 10 Monaten. Normalerweise behandeln wir sie, wenn es dem Kind gut geht, mit einem Antibiotikum zu Hause. Vorsichtshalber habe ich Katharina in das Haunersche Kinderspital eingewiesen, in dem sie entsprechend stationär behandelt wurde. Es folgten aber drei weitere Pneumonien bis im Alter von zwei Jahren, und viele virale
Infektionen mündeten in eine chronische Bronchitis. Bei unseren Kinderkursen in München - die wir für Kinderärzte, im Kinderzentrum und bei Prof. Hellbrügge veranstaltet haben -, wollte ich am Anfang jedes neuen Kurses ein besonderes Kind vorstellen, 1990 war das Katharina.

Wir haben die Anamnese vorgetragen, Mathias Dorcsi erläuterte die Konstitution und Diathese von Katharina. Aufgrund der Phänomene hat er bei ihr die destruktive Diathese erlebt und gesehen. Er gab ihr Acidum hydrofluoricum LM 6, nach der Wiener Schule eine destruktive Arznei, besonders im Frühjahr, Herbst und Winter. Es kam zu einer Genesung des Kindes. Weil alles gut verlief, hat die Mutter nach zwei Jahren Acidum hydrofluoricum abgesetzt. Da erkrankte Katharina erneut an einer Pneumonie.

Diesen Fall wollte ich unbedingt in der Haunerschen Kinderklinik abklären, daher schickte ich Katharina zu einem sehr berühmten Immunologen und Oberarzt, der alle notwendigen Untersuchungen machte, aber nichts fand. Außerdem bestand ich darauf, dass wir eine Bronchoskopie durchführten, da diese destruktive Diathese immer im Raum stand. Die Bronchoskopie wurde durchgeführt, doch als die Mutter im Gang des Krankenhauses den Immunologen traf, fragte er sie: „Was machen Sie denn mit Ihrem gesunden Kind in unserer Klinik?“. Sie antwortete: „Ich komme gerade von der Bronchoskopie. Mein Kind hat mucopurulente Bronchiektasen im linken Laungenunterlappen.“

Dieser Kollege war so fair, mir zu gestehen, dass ich mit meiner homöopathischen Erfahrung etwas gesehen und erlebt habe, was er nicht wahrgenommen hatte. Als Therapie schlug die Klinik in diesem Fall eine Lobektomie des unteren Teils der linken Lunge vor. Sieht man sich das CT der Lunge vom Juli 2003 an, erkennt man nur eine winzige kleine Bronchiektase im linken Unterlappen. Acidum hydrochloricum und eine zweite Arznei, Bufo rana LM6 - ein wichtiges Mittel, das aus der Kröte hergestellt und bei Abszessneigung eingesetzt wird - haben in den folgenden Jahren eine wichtige Rolle gespielt.

Homöopathie der Zukunft
Was zeigt unsere Erfahrung mit der Homöopathie? Für uns ist die Homöopathie eine voraussagbare, beobachtbare und bestätigte Methode, wenn wir als Ärzte unsere Erfahrungen sammeln und sie in Demut weitergeben. Die Homöopathie muss klinisch verantwortbar sein, denn die Grenzen der Schulmedizin und die Grenzen der Homöopathie müssen für die Ärzte in der Klinik nachvollziehbar sein. Die Homöopathie, die wir darstellen, muss eindeutig lehr- und lernbar sein für Ärzte als Teil einer ganzheitlichen, komplementären Medizin, die an der Universität erfahren und gelehrt wird.


Mit dem phänomenologischen Ansatz von Konstitution und Diathese in der Homöopathie haben wir bei Katharina eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem Haunerschen Kinderspital erlebt. So kam das Modellprojekt „Homöopathie in der Pädiatrie“ im Jahr 1995 durch gegenseitige Achtung zustande.